Vor langer Zeit geschah es, dass weisshäutige, bärtige Gestalten
in die Küsten Afrikas einbrachen, die friedlichen Dörfer überfielen
und die verschreckte und verängstige Bevölkerung auf brutalste
Weise zusammentrieb, mit eisernen Ketten aneinanderfesselte und in
dunkle, stickig enge Schiffsrümpfe einsperrte. Dort eingepfercht
wurden diese Menschen in wochenlangen Seereisen, während deren der
grösste Teil an Seekrankheit, Skorbut, Ruhr oder Heimweh
richtiggehend krepierte, nach Amerika verfrachtet und auf dem Markt
als "Arbeitstiere" verkauft. Wieviel Schmerz und Kummer damals
angerichtet und ertragen wurde, kann man gar nicht ermessen. Aus
verschiedenen Stämmen zusammengewürfelt, zu harter Sklavenarbeit
angetrieben und in eine fremde Umwelt gestellt, verloren die
Verschleppten mit der Zeit ihre heimatlichen Sprachen und nahmen
die ihrer neuen Herren an. Sie hatten jedoch aus ihrer Heimat eine
alte und ehrwürdige Kultur mitgebracht und bewahrten ihre
Grundanschauungen, ihre Art und Weise zu singen, zu dichten, zu
tanzen.
Es wäre naiv zu glauben, mit der Aufnahme des christlichen Glaubens
hätten die Afro-Amerikaner ihre traditionelle Religiosität über
Bord geworfen und wären zu dem geworden, was wir Europäer als
christliche Gläubige ansehen. Zu tief war die afrikanische Kultur
verwurzelt, und zu gross die Unterschiede zur "weissen"
Tradition:
Der christliche Gläubige macht sich zum Werkzeug Gottes, der
afrikanische macht die jeweilige Gottheit zum Werkzeug des
Menschen. Der Vollzug des Glaubens beruht in der christlichen
Religion auf Gottesverehrung, in der afrikaniaschen Naturreligion
hingegen auf Gottesbeschwörung: Dort setzt der Mensch die Gottheit
in sein Leben ein, er nimmt nicht ihre Befehle entgegen, sondern
heisst sie wirken durch magische Beschwörung.
So beschworen die versklavten Afrikaner die befreiende Zukunft, das
erlösende "Jenseits", den "Himmel" herbei. Dabei bedienten sie sich
der christlichen Terminologie und der biblischen Befreierfiguren,
die an die Stelle afrikanischer Gottheiten traten: Jesus, Moses,
David, über die sie in der Ekstase gebieten konnten.Die
Beschwörungsgesänge, die so entstanden, sind die "Spirituals"; also
keine passive Hoffnung auf Befreiung, sondern magisches Aktivieren
der Befreiung.
Die Spirituals waren voller Doppeldeutigkeiten und verschlüsselter
Botschaften, die von den Schwarzen verstanden wurden, den Weissen
aber unzugänglich waren. Beim Singen wurden z.B. Informationen von
Harriet Tubman's Untergrundbewegung weitergegeben, die in den Ohren
der Weissen harmlos klangen, in Wirklichkeit aber brisante Facts
zur Flucht enthielten.
Harriet Tubman wurde als der weibliche Moses der schwarzen Sklaven
in Amerika gehandelt, und Songs wie "Go down, Moses" waren durchaus
auf sie gemünzt. Ebenso galt der vielbesungene "Chariot" (der
Himmelswagen, der die Seelen der Verstorbenen in den Himmel abholt)
als Synonym für "Hariett". Der Song "Good news, the chariot's
coming" (gute Nachricht, der Himmelswagen kommt) hiess im Klartext:
"Good news, Harriet's coming" (gute Nachricht, Harriet kommt). Das
bedeutete die Möglichkeit, sich Harriet's Befreiungstruppe
anzuschliessen und die Flucht in den Norden zu wagen.
Viele Spirituals, die heute noch gesungen werden, stammen aus der
Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865, sind also über
140 Jahre alt. Sie haben keine dem Namen nach bekannten Autoren, da
sie zumeist auch in gemeinschaftlichem Singen entstanden.
Anders die Gospel-Songs. Der Ausdruck "Gospel" wurde erst in
unserem Jahrhundert verwendet und soll eine Verkürzung der Worte
"God's spell" (Gottes Wort) bedeuten. Täglich werden neue Gospels
komponiert und in der Kirche gesungen. Sie sind durchaus
vergleichbar mit unseren Kirchenlieder. In Amerika hat fast jede
schwarze Kirchgemeinde einen eigenen Gospelchor und einen Reverend,
der für seinen Chor neue Songs textet und komponiert. Es sind
Glaubensbekenntnisse, Gebete und Lobpreisungen Gottes, welche den
Inhalt der Gospelsongs ausmachen, die von der Botschaft her gar
nichts mit den alten Spirituals gemein haben. Was die beiden jedoch
verbindet, ist die Intensität und die Kraft, die der religiösen
Musik unserer schwarzen Brüder und Schwestern innewohnt.
Für uns nüchterne Europäer ist das Hinzutreten afrikanischer
religiöser Ausdrucksformen eine grosse Bereicherung. Allerdings
muss man jene Haltung aufgeben, welche die afroamerikanischen
Originale auf ein künstlerischen Podest hebt, an das man nicht
rühren darf. Musik kennt keine Hautfarbe und keine Landesgrenzen.
Sie ist die Sprache des Herzens und kann von jedem Menschen benutzt
werden, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Spirituals und Gospels sind Musik gewordene Gefühle und
Erfahrungen, Schmerz, Trauer, Hoffnung und Freude, die aus dem
Leben erfahren und aus dem Herzen gesungen werden. Wenn Sie beim
Hören oder Singen dieser Lieder Ihr Herz öffnen, so werden Sie
darin Ihre eigenen Gefühlserfahrungen wiederfinden.